Ergebnisse und Schlussfolgerungen


Das Ausbleiben einer den Ausgrabungen folgenden wissenschaſtlichen Aufarbeitung der Funde und der auf dem Peterbühl gesammelten Erkenntnisse führte unweigerlich dazu, dass die von Frescura insbesondere aus den Gebäuden R und S zusammengetragene Flut von Informationen im heutigen Licht unzusammenhängend und unvollständig erscheinen müssen. Mehrere Jahrzehnte sind seit dem jähen Abschluss, ja Abbruch der Grabungen vergangen, unvermeidbare menschliche Einflussnahme und teils auch die Zerstreuung des Materials, Plünderung und Zerstörung zeigen schwerwiegende Auswirkungen insofern, als der ursprüngliche Kulturkomplex, der in der Theorie den Alltag der Peterbühl-Gemeinschaſt widerspiegeln sollte, dadurch seine Kohärenz und damit an Aussagekraſt verloren hat.

Auch hinsichtlich der ursprünglichen Ausdehnung der Siedlung lassen sich nur ungesicherte Hypothesen aufstellen, da das eingeebnete Areal auf der Kuppe nur zum Teil freigelegt worden ist. Wir wissen zum Beispiel, dass auf der - abgesehen von den Häusern im Südwesten - einigermaßen systematisch erforschten Ostseite mit Sicherheit auch Gebäude an der Basis des Abhangs bestanden haben. Die Ausgrabungen Dal Ri's und Tecchiati's von 1993, 1994 und 1995 konnten das zugehörige Verteidigungssystem, weil es sich um Notgrabungen handelte, lediglich bzw. zumindest überblicksartig präsentieren. Eine offene Frage stellt auch die mittelalterliche bzw. hochmittelalterliche Befestigung dar, von welcher lediglich spärliche Überreste erhalten geblieben sind. Auf spekulativem Weg könnte etwa das durch Brandeinwirkung zerstörte Haus T/D dieser Epoche zugeordnet werden.

Die Grabungsergebnisse belegen, dass der Hügel in vorgeschichtlicher Zeit mehrfach verheerenden Bränden ausgesetzt war. Die beiden Halbmondfibeln und der Torques (Punkt 8, 9 und 10 im Inventar von Haus A) legen bezüglich des Brandes, der das Haus einäscherte und mit aller Wahrscheinlichkeit auf Teile oder sogar die gesamte Siedlung übergriff, eine Datierung auf Ende des VII. vorchristlichen Jahrhunderts fest.

Eine zweite Brandkatastrophe folgte im fünſten, eine dritte gegen Ende des II. Jahrhunderts v. Chr. (Horizont der Krebsschwanzfibel in Haus A und R).

Ein vierter Brand scheint sich in augusteischer Zeit ereignet zu haben (Haus Q). Fachleute warnen davor, derartige Katastrophen vorschnell und in Überschätzung einer weltgeschichtlichen Bedeutung lokaler Gegebenheiten bekannten geschichtlichen Ereignissen wie der römischen Landnahme um 15 v. Chr. zuzuschreiben. Zufallsbrände kamen bis in jüngste Vergangenheit durch die Verwendung von abgelagertem Holz als Bauwerkstoff häufig vor.

Ein in Haus T/D nachgewiesenes fünſtes Brandereignis wäre dem Hochmittelalter zuzuschreiben.

Auch wenn man die Aussagen römischer Autoren, wonach die Räter etruskischen Bevölkerungsteilen entstammten, die, wie berichtet, nach der keltischen Invasion um 400 v. Chr. nach Norden in die Gallia Cisalpina abgedrängt worden seien, nicht folgen mag, lassen sich doch etruskisch-padanische Einflüsse in die Fritzens-Sanzeno-Kultur gesichert nachweisen. So kann eine großräumige Verbreitung der Certosa-Fibel im oberen Etschtal und in Südtirol, nicht jedoch im Fundkomplex des Peterbühl, nachgewiesen werden.

Dass der in klimatisch bevorzugten Lagen Südtirols betriebene Weinbau mediterranen und etruskischen Einflüssen zu verdanken ist, das ist vielfach belegt, auch dass rätischer Wein umgekehrt im Süden einen ausgezeichneten Ruf genoss und, vermutlich in hölzernen Fässern, in diese Regionen geliefert wurde. Auch auf dem Peterbühl ließen sich indirekte Belege für den Weinanbau erschließen. So wurden im Gebäude E bei der Grabung 1959 eine Hippe (Runggel) und ein Messer mit Griffverlängerung und geschwungener Klinge, Werkzeuge, die vermutlich im Garten- und Weinbau Verwendung fanden, entdeckt. Auch die im Haus R gefundenen Jäthauen bzw. Mahdhacken stufen einige Fachleute als spezielles landwirtschaſtliches Zubehör zur Bearbeitung des Bodens im Weinbau ein. Es ist somit sehr wahrscheinlich, dass an den sonnigen Hangterrassen des Peterbühl, etwa an denen im Südosten, auch Reben gezogen worden sind.

Zusammenkünſte von Mitgliedern der Peterbühl-Gemeinschaſt zu gemeinsamem geselligem Trinken ("Symposion"), wohl von Wein, scheinen durch die in Haus S im Ausgrabungsjahr 1959 gefundenen Fragmente eines Bronzesiebs sowie das häufige Auffinden von Fragmenten von Nabelschalen (Omphalosschalen, henkellose Tonbecher mit einer nabelartigen Delle im Boden als Griffstütze) belegt.

Mahlsteine unterschiedlichen Typs weisen auf eine auf Getreide basierende Landwirtschaſt hin.

Die Größe der zu versorgenden Population - aufgrund der Tatsache, dass lediglich ein kleiner Teil der Wohnstrukturen ausgegraben worden ist, kann ihre Anzahl nicht geschätzt werden - , dürſte aber wohl einige Dutzend Mitglieder umfasst haben. Das macht es sehr wahrscheinlich, dass die auf dem Peterbühl zur Verfügung stehende landwirtschaſtliche Fläche den Bedarf an Getreide nicht decken konnte. Bedauerlicherweise haben die wiederholten Brandkatastrophen und die spätere bäuerliche Nutzung des Peterbühl zu einem vollständigen Verlust der pflanzlichen und bis auf Tierknochenfunde in der Struktur U und von vier Rinderzähnen im "Depot" ("Eck H") der tierischen Überreste geführt, was die Rekonstruktion der auf dem Hügel ausgeübten ökonomischen Tätigkeiten sehr begrenzt. Auch hier müssen indirekte Hinweise fehlendes empirisch fassbares Wissen ersetzen. So wurden, wie im Haus R, robuste Haumesser (Runggel, Hippe) sichergestellt, wie sie nicht nur zum Fällen von kleineren Stämmen oder Ästen zur Beschaffung von Feuerholz Verwendung fanden, sondern möglicherweise auch dazu, um Weidepfähle zur Einpferchung von Nutztieren herzustellen. Die dem Amt für Bodendenkmäler in Bozen übergebene Sammlung Pattis-Egger beinhaltet ein großes Hiebmesser mit Griffangel und ein zweites diesem ähnliches Objekt, welche in dieser Deutung unter anderem auch als Sensen für die Futterbeschaffung der Nutztiere gedient haben mögen. Werkzeuge waren damals wohl Multitasking-Geräte.

Es ist anzunehmen, dass die Peterbühl-Gemeinschaſt - falls Nutztierhaltung ausgeübt wurde, wovon aber auszugehen ist - Zugang zu Weideflächen auf dem Mittelgebirge selbst sowie auf der Seiser Alm, die sich über 50 ha auf 1.700 - 2.200 m Meereshöhe ausbreitet sowie zu den reichen Weideflächen auf dem Schlern (2.400 - 2.560 m) besaß. Die Nutzung dieser Ressourcen war für die winterliche Vorratsbeschaffung unerlässlich. Bestimmt hat es hierbei Austausch mit benachbarten Gemeinschaſten wie der von Gschlier-Rungger-Egg (Seis) gegeben.

Was die handwerklichen Tätigkeiten der Peterbühl-Gemeinschaſt anbelangt, weisen große, grob gefertigte Behältnisse aus der frühen Eisenzeit zur Aufbewahrung von Lebensmittel auf das Vorhandensein einer vor Ort gelegenen Keramikproduktion hin. Es wurde schon erwähnt, dass Luis Mumelter unter dem Schlern Eisenschmelzöfen identifiziert zu haben glaubt. Die auf dem Peterbühl in Haus R von Frescura als "Eimergriffe" bezeichneten Eisenbügel könnten, da in unfertigem Zustand, auf lokale Eisenverarbeitung hinweisen.

Aufsehen erregt die ungewöhnlich große Anzahl von Waffen (2 eiserne Lanzenspitzen in Haus S, eine weitere in Haus R, eine in der Sammlung Baumgartner, 4 Lanzenspitzen in der Sammlung Pattis Egger neben zahlreichen Messern unterschiedlicher Größe), wobei der Umstand berücksichtigt werden muss, dass aus Frescuras Sammlung Metallobjekte verschwunden sind, unter denen sich womöglich weitere Waffen befunden haben, erfreuen sich martialische Objekte unter Sammlern doch besonderer Beliebtheit. Die Tatsache dieser Konzentration von Kriegsgerät wird verschiedentlich im Sinne einer kriegerisch-aristokratischen Ausrichtung der Peterbühl-Gemeinschaſt vielleicht in Zusammenhang mit einer Kontrolle der Verkehrswege im Eisacktal interpretiert. Im Bereich von Haus T wurden runde Flussfindlinge mit Symbolritzungen gefunden, die einige Autoren als Ausdruck kultureller Handlungen, religiöser Praktiken oder von Beschwörungsritualen interpretieren. Die stattliche Anzahl der in Haus A gefundenen flusspolierten ovalen Porphyrsteine, in diesem Fall ohne Ritzungen, sind offenbar von weither gebracht worden und stammen vermutlich von einer Kiesbank im Eisack. Ihre Form erinnert in etwa an Eier, einem Symbol für Leben. Diese Objekte dürſten ebenfalls einem kulturellen Zweck gedient haben ebenso wie nach Auffassung der Archäologen Gleirscher und De Marinis die Klapperbleche, die Anhänger und Glasperlen.

Rätsel geben die an mehreren Orten im Trentino und in Südtirol gefundenen aus den Wänden von Keramikgefäßen ausgebrochenen Scheibchen auf. In Reif bei Leifers, wo vor allem im III. - II. vorchristlichen Jahrhundert gesiedelt wurde, sind 1984-1985 bei Ausgrabungen mehr als 100 Exemplare zum Vorschein gekommen, 1990 mehrere Dutzende derselben Art. In Völs waren es

44. Wie stets wird auch in diesem Fall mangels einer Erklärung an eine kultische Bedeutung gedacht. Ähnliche, als "Tokens" bezeichnete Objekte sind im ägäischen Raum, auf Kreta und Zypern und im südlichen Italien geborgen worden. Von Mal zu Mal sind diese Tokens als Spielsteine, Warenbegleitmarken, vorwiegend aber als Zählsteine gedeutet worden.

Zieht man die Annahme der Tokens als Zählsteine zur Deutung des Fundkomplexes am Peterbühl in Betracht, untermauert man damit die Hypothese, die dortige Siedlung könnte tatsächlich mit der Kontrolle eines wichtigen Verkehrsweges in Zusammenhang gebracht werden. Das führte zu interessanten Spekulationen und würde die Peterbühl-Gemeinschaſt in Verbindung mit den angeführten Funden einer Anzahl von Lanzenspitzen in gewisser Hinsicht wirklich in einen kriegerischen Kontext stellen.

Darüber, dass es Übergänge von der Padanischen Ebene über die Alpen ins nördliche Alpenvorland gegeben hat, schreibt schon Strabo im ersten vorchristlichen Jahrhundert, der, Polybios zitierend, von vier alpenquerenden Pässen spricht, von denen einer "durch die Räter" führe. Eine Sondierung bei Kardaun erbrachte, dass offenbar schon im ersten vorchristlichen Jahrtausend ein Verbindungsweg durch die Eisackschlucht bestanden hat. Die Peterbühl-Gemeinschaſt könnte also durchaus im oben hypothetisch angenommenen Sinn tätig gewesen sein.

Funde im Burgfrieden in Waidbruck, wo das Teilstück einer römischen Straßenverbindung ausgegraben wurde, legen nahe, dass die Römer eine Straßenverbindung durch das Eisacktal unterhielten. Der archaische Saumpfad wurde nach der römischen Landnahme durch das imperiale Straßenbauministerium auf römisches Qualitätsniveau gebracht. Nach dem Ende des Reiches und der damit zusammenhängenden Einstellung der aufwändigen Wartungsarbeiten in der Eisackschlucht ab dem IV. Jahrhundert n. Chr. geriet diese Trasse in Vergessenheit. Erst der 1314 im Hochmittelalter eröffnete Kuntersweg konnte wieder eine lückenlose Süd/Nord-Verbindung anbieten.