Die Völser Halbmondfibel 


Die Völser "Halbmondfibel mit menschlichem Antlitz"


Der bemerkenswerteste Fund der 18 in Haus A ans Licht gekommenen Objekte ist ohne Zweifel die "Halbmondfibel mit menschlichem Antlitz". Das Artefakt zeigt sich unvollständig. Feder, Bogen und linker Ausläufer fehlen, wobei es nahezu undenkbar ist, dass die fehlenden Teile in der Phase der Bergung verloren gegangen sein könnten. Demzufolge ist von einem unvollständigen Zustand schon in alter Zeit und vor dem Brand auszugehen, der Haus A zerstörte. Es ist denkbar, dass das Artefakt ein von Generation zu Generation weitervererbtes Erbstück gewesen sein könnte.

Das Objekt lässt in Art und Aussehen eine kultische Konnotation vermuten. Dal Ri zitiert den Archäologen De Marinis, der in dieser Fibel das lokal gefertigte Exemplar einer Halbmondfibel slowenischen Typs des VIII. - VII. Jahrhundert v. Ch ( = Hallstatt D / Laugen-Melaun C, etwa um das VI. v. Chr.) analog zu bayrischen Hallstattfibeln sieht. Hier liegt mit 30 Exemplaren das größte Ensemble von Halbmondfibeln vor, so im Urnengrab 32; im Körpergrab 4; in Künzing, allerdings mit Pferdeprotomen und nicht mit menschlichem Antlitz.
Die zweite Halbmondfibel, die in diesem Fundkomplex ans Tageslicht kam, wird dem Kulturkreis um Este, kultische Heimat der rätischen, eigentlich venetischen Göttin Reitia, zugeordnet. In der Verbreitung dieses Fibeltyps sehen die Autoren De Marinis und Gustin zusätzlich zum Kulturkreis von Este und Golasecca kulturelle Einflüsse aus dem Kärntner Hallstattkreis und dem von Isonzo in Richtung des nördlichen Italien.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind im nördlichen Etschtal, also in Trentino und Südtirol, acht Exemplare von Halbmondfibeln bekannt. Zusätzlich zu den beiden hier beschriebenen vom Peterbühl ist eine am Monte Ozol im Nonstal, eine in Auer, eine am Hochbühl bei Meran, zwei in Feldthurns und eine in St. Lorenzen im Pustertal gefunden worden. Mehrere der Fundorte sind Kultplätze, und die in die in ungewöhnlicher Funddichte im Etschtal zum Vorschein gekommenen Fibeln legen in ihrer Art Einflüsse aus dem nördlichen Balkan nahe.

Die "Halbmondfibel mit menschlichem Protomen" von Völs mit ihren trapezoiden punzierten Klapperblechen reiht sich im rätischen Ambiente des Trentino-Südtirol einerseits harmonisch in die weit verbreitete Familie der dreieckförmigen anthropomorphen Figuren aus gehämmertem Bronzeblech ein; andererseits stellt sie dennoch eine Besonderheit dar. So ist das im mittleren oberen Bereich der Fibel angebrachte Relief eines menschlichen Antlitzes ein Novum, ebenso wie ihre ausgesprochen gedehnte und stark gekrümmte Form mit eckigem Abschluss an dem erhalten gebliebenen Ende. Ein komplexes Mäanderdekor bestehend aus punzierten Doppelpunkten im Verein mit dem üblichen Muster in Form von Würfelaugen ("ad occhi di dado") stellt eine weitere Besonderheit dar zusammen mit dem Umstand, dass der Fibelkörper im Verein mit dem menschlichen Köpfchen aus einer einzigen dünnen im Schmelzverfahren hergestellten Blechplatte besteht und nicht als gehämmertes Objekt gefertigt worden ist.

Die Fachwelt rätselt schon seit vielen wissenschaftlichen Jahren über die in diesen Artefakten enigmatisch verschlüsselten Aussagen. Die Halbmondform, die Klapperbleche, die punzierten Muster, das menschliche Gesicht: Rätsel über Rätsel. Falls der Betrachter, die Betrachterin mit der Entschlüsselung dieses rätselhaften Artefakts ebenfalls überfordert ist, mag es hilfreich sein mitzuverfolgen, wie phantasiereich die Fachwelt damit zurechtzukommen versucht:

Die slowenische Archäologin Biba Terzan hat sich in Zusammenhang mit ihrer Forschungsarbeit an Halbmondfibeln intensiv mit diesem Völser Artefakt befasst. Sie verortet es räumlich im Ägäischen Raum und zeitlich im X. vorchristlichen Jahrhundert. Terzan vermutet in dieser Fibel eine sakrale Bedeutung und konnotiert sie mit dem Kult der Verehrung einer in Venetien der Göttin Reitia attribuierten Funktion einer "Herrin der Tiere". Das menschliche Antlitz, das in weiteren rätischen Halbmondfibeln auftaucht, würde in Terzans Deutung das Bildnis dieser Göttin repräsentieren. Überhaupt stellt die Autorin Halbmondfibeln in einen weiblichen Kontext. In ihrem Verbreitungsgebiet kämen sie vorwiegend in Frauen- und Kindergräbern vor und seien in einigen Gräberfeldern in der Mitte einer Gräbergruppe gefunden worden. Terzan schließt daraus, dass der Trägerin eine bestimmende Rolle in der Gesellschaft zugekommen sei.

Andere Autoren stellen in Bezug auf das Menschenköpfchen Verbindungen zu den Kelten her, während der renommierte österreichische Ur- und Frühgeschichtler Paul Gleirscher wie Terzan entschieden dafür plädiert, dieses Protomen der Reitia zuzuordnen, in der er generell die allgemeinverbindliche vorrömische rätische Gottheit im Bereich der Fritzens-Sanzeno-Kultur sieht.

Einige Jahre später liefert er in seiner Publikation über das Rungger Egg in Kastelruth eine detaillierte Lagekarte von dreieckigen Klapperblechen. Er stellt die Hypothese auf, dass es sich beim Peterbühl um einen Kultplatz handelte, würdigt die Bedeutung dieses Völser Artefakts, stellt sich aber entschieden gegen die Annahme eines mediterranen Einflusses auf die stilisierte weiblich gedeutete Figur. Er vertritt in großer Ausführlichkeit die Auffassung, den Klapperblechen und den Glasperlen wäre eine magisch-religiöse Bedeutung zugekommen.

Gerhard Tomedi sieht eine Nähe des menschlichen Antlitzes auf der Völser Fibel zu dreieckigen Trentiner Klapperblechanhängern und distanziert sich von der Deutung derselben im Zusammenhang mit einem angenommenen Reitia-Kult. Verbindungen zu Artemis oder Athene schließt er überhaupt aus und glaubt vielmehr, das Bildnis stelle das Antlitz einer Priesterin dar.

Hubert Steiner, unter Catrin Marzoli stellvertretender Leiter im Amt für Bodendenkmäler in Bozen, spricht den Klapperblechen mit anthropomorphen Zügen ganz allgemein eine Unheil abwehrende (apotropäische), magische Bedeutung zu.

Franco Marzatico beschäftigt sich 2012 erneut mit der mit dem Menschenköpfchen versehenen Völser Halbmondfibel, klassifiziert sie als Produkt lokaler Fertigung und stellt sie in eine Reihe mit den weiblichen Amulett-Anhängern und jenen mit Pferdedarstellung, die typisch seien für die späte Phase der Fritzens-Sanzeno-Kultur.

Was die Interpretation des enigmatischen Symbolgehalts der Völser Fibel anbelangt, kann Dr. Terzan's Hypothese womöglich Licht ins Dunkel bringen, die in den Halbmondfibeln, vor allem jenen der bayrischen Hallstattzeit, Beziehungen zum Motiv der Sonnenbarken erkennt, nachdem im inneren Halbrund dieses Fibeltyps häufig Darstellungen von Tieren auftreten, die sich also quasi "an Bord" der Barke befänden.

Dal Ri macht in der Völser Halbmondfibel eine stark stilisierte und mit Flügeln versehene menschliche Gestalt aus, wobei das Rasseln der Klapperbleche beim Gehen des Trägers, der Trägerin das Rauschen der sie symbolisierenden Federn eines fliegenden mythischen Wesens darstellte. Eine Ähnlichkeit mit einem sich im Flug befindlichen Raubvogel könne laut Dal Ri nur schwer ignoriert werden.

Zurückkehrend zur Deutung von Dr. Terzan einer fliegende Figur, was nun auch aufgrund anderer Funde mit entsprechenden Merkmalen durchaus als wahrscheinlich gelten kann, scheint es zulässig - oder weniger unwahrscheinlich, darin eine Abbildung der Potnia Theron (Artemis, Athene, Hekate...) zu sehen, da religiöse und mythologische Einflüsse aus dem mediterranen Raum angereichert mit Einflüssen aus dem Etruskischen zunehmend auch in das Gebiet des Alpenbogens einsickerten wie Sirenen, Sphingen, Harpyien - bei den Griechen vogelgestaltige Dämonen des Sturms. Besondere Bedeutung komme in diesem Zusammenhang den Gorgonen zu, den furchterregenden geflügelten Schreckgestalten mit Schlangenhaaren, von denen in Adria und Este Artefakte mit entsprechenden Abbildungen sichergestellt werden konnten. Augen, Zähne und Haare der Gorgo sind üblicherweise auf dämonische Weise akzentuiert, und auch das Gesicht in der Völser Fibel trägt wenig einnehmende Züge.

Dal Ri nimmt zusammenfassend an, dass gerade die mythische Figur der Gorgo von der für Einflüsse aus dem mediterranen, vor allem auch griechischen Raum offenen rätischen Bevölkerung assimiliert wurde und dazu verwendet worden sein könnte, einer bislang körperlosen rätischen Gottheit ein damit korrespondierendes physisches Aussehen zu verleihen.

So bleibt die wahre Bedeutung dieser Artefakte dem Heutigen weitgehend verschlossen und das Phänomen konnte durch kontroverse Ansätze nur deutend und ahnend umkreist werden. Vielleicht führen weitere Funde zu neuen Erkenntnissen. Jenseits aller Deutungsversuche bleibt Bewunderung über den Formenreichtum und die filigrane Durchzeichnung dieser faszinierenden Objekte und das Staunen über die Schätze, die dem Peterbühl nach über zwei Jahrtausenden entnommen werden konnten.


Zugrundeliegende Quellen:

Lorenzo Dal Ri. La fibula semilunata von Volto umano da Fiè/Völs, presso Bolzano

Bettina Glunz-Hüsken: Neue Fibeln aus der Nekropole von Hallstatt. Mit Exkursen zu Fibelneufunden anderer Gattungen, zur Emblematik an hallstattzeitlichen Gewandverschlüssen und einem Vergleich der Friedhöfe Hallstatt und Bischofshofen;

Melanie Augstein: Ein Grab mit Halbmondfibeln aus Dietfurt ad Altmühl, Lkr. Neumarkt id Opf.- Aspekte der Unterscheidung im Rahmen hallstattzeitlicher Bestattungssitten

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